Flow und Singen

Schon immer war die Musik und das Instrument der Stimme zentraler Teil meines Lebens. Früh merkte ich, dass das Wunderbarste am Singen ist, dass man es langfristig nur mit einer gesunden Einstellung zu sich selbst machen kann, da die Stimme unter zu viel Druck oder falscher Technik einfach noch schneller  rebelliert, beziehungsweise die Stimmbänder schneller hörbar in Mitleidenschaft gezogen werden, als es beispielsweise die Sehnen beim Klavierüben hörbar tun. Ich hatte also ein Instrument gefunden, dass mich zwang, immer gut zu mir und zu meinem Körper zu sein und das immer der Anzeiger dafür war, ob ich das Limit überschritten hatte. Ein Instrument, mit dem es nur möglich war mich langfristig und gesund auszudrücken , wenn ich einen gesunden, lockeren, starken und offenen Körper und Geist hatte. Da ich schon immer mehr oder anders sehen und  wahrnehmen konnte, als die Menschen in meinem Umfeld, lernte ich früh mir eigene Konzepte meiner Wirklichkeit zu entwickeln, damit ich mein Leben trotzdem gut einordnen konnte, ohne mich selbst für verrückt zu halten. Ich lernte viel über Anatomie und Physiologie und hörte Medizinern, Physiotherapeuten, Yogalehrern, Logopäden, Osteopathen, Kinesiologen, Psychotherapeuten, Ernährungsberatern und auch Philosophen und Esotherikern mit größter Aufmerksamkeit zu. Mit jedem Jahr und vor allem durch das Unterrichten und die Arbeit mit Menschen, an denen ich ausprobieren konnte, wurde mir immer klarer, dass jeder von Ihnen über das Selbe sprach. Allen ging es um den Flow. Körper, Geist und eben das dritte, was alle anders nennen, zusammen und in Resonanz zu bringen. So hat sich nach und nach in mir ein Lebenskonzept entwickelt. Denn Singen ist ähnlich wie Yoga für mich eher eine Philosophie, die auf jeden Atemzug, jede Bewegung, jeden Gedanken und jede Handlung konkret übertragen werden kann und die eben genau das zum Ziel hat: 

Eine tiefe, innere und gesunde Zufriedenheit in sich, innere Harmonie und Resonanz, die sich wenig von äußeren Einflüssen beeinflussen lässt. 

Dieses Gefühl der absoluten tiefen Zufriedenheit und puren Glückseligkeit nenne ich Flow. Ein muskulärer und neuronaler Zustand des Körpers, der beim Singen, wenn alles richtig eingestellt ist, automatisch passiert. Ein Zustand der sowohl höchste Konzentration, Präsenz und Aufmerksamkeit als auch totale Ruhe, Entspannung, Offenheit und Gelassenheit zugrunde legt. Im Laufe meines Studiums und meiner Studien an meinen Schülern, wurde mir schnell klar, dass jeder Mensch dieses Gefühl im Kern auch im Alltag schon kennt. Eine Malermeisterin bekommt das Gefühl beim Streichen, ein Biker bei langen Motorradtouren, einer bei seinem morgendlichen Spaziergang, beim Werkeln in der Werkstatt, ein anderer beim Yoga, eine beim Feiern, viele beim Joggen als Runners-High, vom Meditieren und viele kennen es vom Sex. 

Ein absolutes Da-Sein und Im-Moment-Sein! Man bekommt das Gefühl außerdem, wenn man sich sehr angestrengt hat und die Anspannung mit dem Erreichen des Ziels endlich abfällt. Zum Beispiel nach einer bestandenen Prüfung oder aber auch nachdem ein überfällig unerfülltes Bedürfnis endlich befriedigt werden kann (Nahrung bekommen, wenn man schlimmen Hunger hatte, oder endlich Pinkeln zu können, wenn man mit aller Kraft zusammengezwickt hat und endlich erlöst wird).  Ähnlich wie bei der progressiven Muskelentspannung, wird bei diesem Beispiel die Entspannung, das Fliegen oder auch Fließen (was in dem Beispiel mit dem Harndrang sehr passend scheint), durch eine vorherige Überspannung und deren Lösung herbeigeführt. Nun bin ich nach ausgiebiger Selbsterforschung keine Freundin davon, durch Selbstkasteiung  und übertriebene Disziplin Glücksmomente herbeizuführen, da es sowohl zu viel Energie fordert, als auch zu wenig nachhaltig ist, wenngleich es für den Moment effektiv sein kann. Ich wollte ein Konzept für mich haben, dass mir den Flow in jedem Moment des Alltags möglich macht. Ich wollte das Gefühl, das beim Singen, zwingend notwendig ist, in jeden Gedanken, den ich denke und fühle, jede Bewegung, bewusste muskuläre Handlung, die ich ausführe und jede Begegnung, die ich mit mir, meiner Umwelt und meinen Mitmenschen habe übertragen. 

Dabei verstehe ich Singen vielmehr als muskulären und neuronalen Zustand, bzw. mehr als ein Gefühl, als als Klang. Ein freier und schöner Klang ist die Konsequenz aus diesem Zustand. Eine Resonanz und Harmonie mit sich in seinem Körper, seinem Geist und seinem Kern, d.h. seinem „wahren Sein“ im Verhältnis zu seinem Umfeld. 

Ist meine Psyche in positiver Stimmung und ich bin glücklich, ist mein Körper in einem entspannten und von Glückshormonen durchfluteten Zustand. Ich fing an ganz genau zu reflektieren, was in solchen Momenten muskulär in mir passierte und probierte direkt die Erfahrungen mit meinen Schülern aus. Ich stellte 7 verschiedene Ebenen bzw. Körperpartien fest, die alle aufeinander reagieren und die im einzelnen leicht anzuspannen und zu öffnen sind. Außerdem führte ich die Öffnung auf der jeweiligen Ebene immer über den Antagonisten und nicht über den Agonisten herbei, das heißt ich ging über Entspannung in die Aktivität (Erklärung folgt im nächsten Beitrag). Öffne und entspanne ich alle 7 Ebenen mit ein wenig Übung gleichzeitig, komme ich direkt in den Flow. Diesen Zustand zu jeder Zeit muskulär gezielt und bewusst herbeiführen zu können, war für mich ein Schlüsselmoment und eine wichtige Säule für mein entspanntes und glückliches Leben und ist immer noch elementarer Bestandteil in meiner Arbeit mit Menschen. Ich meditiere nun seit über 10 Jahren. In diesen Zustand nur über den Geist, das heißt mein Denken, bzw. bewusste Vorbeiziehenlassen der Gedanken zu kommen, hat mich Jahre an Übung gekostet. So von der einen Sekunde auf die nächste mein Hirn und meine Nerven zu jeder Zeit so funktionieren lassen zu können, als hätte ich schon 45min meditiert, war für mich kaum zu fassen! Klar, eigentlich ist es aber ganz logisch und gar nicht so unfassbar, wie es mir vorkam, denn wenn ich meinen Geist entspanne, entspannt sich mein Körper und wenn ich meinen Körper entspanne, entspannt sich mein Geist. 

Im nächsten Beitrag werde ich versuchen so verständlich wie möglich zu erklären, wie das funktioniert 😉 

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